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Audi e-tron S Sportback: Fast lautlose Mittelstreckenrakete

6. Dezember 2021, 12:42 Uhr
Klaus Brieter 8
8Audi e-tron S Sportback: Fast lautlose Mittelstreckenrakete
mid München - Flottes Design: Der Audi e-tron S-Sportback zieht ohne Krawall seine Bahn. Audi
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Wer rein elektrisch fahren will, findet im Audi e-tron S eine leistungsstarke aber teure Alternative. Die überschaubare Reichweite begrenzt den Einsatz als Reisewagen spürbar.


Wer rein elektrisch fahren will, findet im Audi e-tron S eine leistungsstarke aber teure Alternative. Die überschaubare Reichweite begrenzt den Einsatz als Reisewagen spürbar.

Wenn dem Audi e-tron S in der Sportback-Variante ein Begriff völlig fremd ist, dann ist es Langeweile. Denn mit seinem gelungenen Design und seiner Fahrdynamik begeistert der Elektrowagen im mittleren SUV-Format all jene Autofahrer, die noch Spaß an dieser flotten Form der terrestrischen Fortbewegung haben.

Alles andere als Langeweile beschert der potente Flitzer allerdings auch, wenn es auf eine etwas weitere Strecke geht, die den Rahmen des "normalen" Tagesbedarfs verlässt. Denn die theoretischen Angaben zur Reichweite erfüllen zwar die Normvorgaben, scheitern aber an der Praxis - besonders wenn die Außentemperaturen in den Keller gehen.

Unser Testwagen, der bei der Übergabe zu etwa 90 Prozent geladen ist, signalisiert im Bordcomputer genug Ladung für knapp unter 290 Kilometer. Nach zwei Nächten nahe der Null-Grad-Grenze waren bereits über 15 Kilometer verloren gegangen. Hier bestätigt sich, dass Batterien eher in die Kategorie der Warmduscher gehören.

Egal: Zunächst steht eine Fahrt von nur 150 Kilometern an - mit 37 Kilometern auf meist limitierter Landstraße (70 und 80 km/h), mit mehreren kurzen Ortsdurchquerungen und 123 Kilometern Autobahn, die über längere Strecken auf 80 oder 120 km/h begrenzt ist. Um extremen Verbrauch zu vermeiden, wird das Fahren im S-Mode und starkes Beschleunigen vermieden, außerdem ist auf der Autobahn freiwillig konsequent bei Tempo 130 Schluss: Mitschwimmen, statt Spurten.

Im Ziel meldet der Audi einen Rest von 120 Kilometern. Um für die zwei Tage später anstehende Rückfahrt genug "Saft" im Akku zu haben, wird eine Ladesäule im Zielgebiet angesteuert. Dort sind allerdings nur 22 kW Ladeleistung verfügbar. Dem Anflanschen des Kabels folgt die Ernüchterung: Um den e-tron voll zu laden, muss man sich auf eine Tankdauer von 2 Stunden und 45 Minuten einstellen.

Da laut Audi-Betriebsanleitung die Batterie möglichst nicht über 80 Prozent geladen werden soll, sofern es nicht sofort wieder auf Strecke geht, lässt sich das Manöver entsprechend abkürzen. Beim ausgiebigen Spaziergang an einem nebligen Novembertag mit Nieselregen kommt trotzdem keine Freude auf, während der Audi Strom saugt.

Auf der Rückfahrt mit 260 Kilometern Restreichweite muss der Elektro-Sprinter zusätzlich mit Nacht und Regen fertig werden, was den Stromverbrauch für Licht, Wischer und mehr Heizleistung weiter nach oben treibt. Außerdem wird auf der Autobahn bei kurzen Überholvorgängen das Strompedal schon mal bis manchmal 150 km/h durchgetreten. Im Ziel sind gerade noch 50 Kilometer übrig. Der ständige Blick auf die im Display gut erkennbare Reichweitenanzeige vertreibt so ebenfalls jede Form von Langeweile.

Wenigstens signalisiert die 300 kW-HPC-Schnelladesäule, die mit mageren 31 Kilometern Reserve erreicht wird, mit einer Stunde und fünf Minuten bis zum Abwinken bei 100 Prozent, doch eine freundlichere Wartezeit. Trotzdem: Wer im Elektroauto immer ein spannendes Buch dabeihat, ist vor dieser Art Langeweile bestens gefeit.

Und was macht den e-tron zum Spaßmobil? Es ist seine souveräne und leise Art, Leistung zu demonstrieren. Mit seinen rund 500 PS, die von zwei E-Motoren an die Hinterachse und einem an die Vorderachse verteilt werden, sind formidable Beschleunigungswerte zu realisieren.

Die 4,5 Sekunden aus dem Stand bis Tempo 100 sind eher von akademischer Natur. Viel interessanter ist der Aspekt, dass jeder Überholvorgang eines voll beladenen Lastwagens, der sich mühsam über eine Steigung quält, zügig erledigt ist. Selbst wenn die Elektromotoren zu Höchstleistungen getrieben werden, halten sie sich akustisch vornehm zurück und erledigen ihren Job fast lautlos.

Hinzu kommen die ausgezeichneten Fahrwerksqualitäten, die selbst einem Sportwagen zur Ehre gereichen würden. Mit der zielgenauen Progressivlenkung, dem sicheren Kurvenverhalten mit elektrischem "Torque Vectoring" und der Gelassenheit bei rasch nötigen Ausweichmanövern zeigt der Audi e-tron S Sportback gegenüber seinen Schwestermodellen mit Verbrennungsmotor keine Defizite.

Und auch sonst versucht der e-tron dem Fahrer das Leben zu erleichtern. Hat der Käufer zum Beispiel das Assistenzpaket "Tour" für rund 2.000 Euro angekreuzt, dann wird er dabei unterstützt, möglichst effizient unterwegs zu sein. Das System nutzt Rekuperations- und Segelphasen geschickt aus, um Strom zu sparen und lässt den Wagen sanft zum Ortsanfang hin auslaufen, um auf das dort erlaubte Tempo zu reduzieren. Schade, dass die Bildschirme, über die im Cockpit fast alle Funktionen aufgerufen werden, einen hohen Fingerdruck einfordern: mehr "Press Screen" als "Touch Screen".

Rundum gesehen ist der e-tron ein typischer Audi mit hohem Komfortanspruch. Auch beim Preisniveau macht der Ingolstädter keine Ausnahme. Eher packt er noch einen Zuschlag oben drauf. Unser Testwagen hätte "nackig" schon 96.050 Euro gekostet. Mit diversen Ausstattungspaketen, Matrix-Scheinwerfern, Head-up-Display, Komfortschlüssel, Umgebungskameras und diversen Kleinigkeiten schnurrt der Preis auf fast 124.000 Euro hoch. Für ein spannendes Buch oder die Hustenbonbons für den Spaziergang während des Ladens bei nasskaltem Wetter muss der Kunde freilich selber sorgen.

Fazit: Wer nicht ständig längere Touren fährt und dann auf die Reichweite schielen will, hat an der leisen Elektro-Rakete viel Spaß ohne Langeweile. Geht es doch mal weiter weg, darf man kein hastiger Reisender sein und muss seine Fahrten gut planen. Und wenn der Strom trotzdem schneller zur Neige geht als die Zahl der restlichen Kilometer bis zum Ziel, ist ebenfalls jegliche Langeweile schlagartig weggeblasen.

Klaus Brieter / mid

Technische Daten Audi e-tron S Sportback:

- Länge / Breite / Höhe: 4,90 / 1,98 / 1,62 Meter

- Antrieb: drei Asynchron-Elektromotoren

- Leistung: 370 kW/503 PS (320 kW/436 PS ohne Boost)

- max. Drehmoment: 973 Nm (808 Nm ohne Boost)

- Getriebe: Zweistufig übersetztes Planetenradgetriebe mit einer Gangstufe

- Beschleunigung: 0 bis 100 km/h in 4,5 Sekunden

- Höchstgeschwindigkeit: 210 km/h

- Normverbrauch (WLTP): 25,9 - 21,5 kWh 100 km

- CO2-Emissionen: 0 g/km

- Preise: ab 96.800 Euro (71.350 Euro e-tron 50 quattro)

Der Artikel "Audi e-tron S Sportback: Fast lautlose Mittelstreckenrakete" wurde am 06.12.2021 in der Kategorie Fahrbericht von Klaus Brieter mit den Stichwörtern Test, Fahrbericht, Elektroauto, Elektromobilität, Praxistest, Luxus, Sportwagen, Test-Bericht, Pressevorstellung, Test, Bericht, Kurztest, Vorstellung veröffentlicht.

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