Historie

Die mid-Zeitreise: Lotus-Nachbau SeventySeven - besser als das Original?

30. April 2020, 15:43 Uhr
Motor-Informations- Dienst (mid)
Am 9. Juli 1990 berichtete der Motor-Informations-Dienst (mid) im 35. Jahrgang über den Lotus-Nachbau SeventySeven.


Am 9. Juli 1990 berichtete der Motor-Informations-Dienst (mid) im 35. Jahrgang über den Lotus-Nachbau SeventySeven.

Sieht man die Zahl der (meist unlegitimierten) Kopierversuche eines Produkts als Indikator für seinen Wert an, so dürfte der vom seligen Colin Chapman in den 60ern als Low Budget-Renner konstruierte Lotus Seven einen Sonderpreis verdient haben: Neben der vom Lotus-Händler zum Seven-Produzenten aufgestiegenen britischen Firma Caterham, dem Holländer Joop Donkervoort und Kit-Car-Anbietern wie Rush und Westfield baut seit nunmehr anderthalb Jahren auch die Firma VM in Bergisch-Gladbach bei Köln ein Gerät, das zumindest im Ansatz stark an sein legendäres Vorbild erinnert. Mehr als eine oberflächliche optische Ähnlichkeit will Klaus Vielhauer, Chef der mit zehn Angestellten dem Baby-Stadium bereits entwachsenen Schmiede für exklusives Männer-Spielzeug, aber nicht gelten lassen: Schließlich hat der gelernte Maschinenbauer das selbsttragende Gitterrohr-Chassis selbst konstruiert, und auch die aus elf Einzelteilen bestehende glasfaserverstärkte Kunststoffkarosserie trägt die eindeutige Handschrift seines Hauses.

Dank der Verwendung von bewährter Ford-Großserientechnik wird eine reibungslose Ersatzteilversorgung und problemlose Wartung garantiert, ein Plus, welches Lukas (das britische Pendant zur Firma Bosch) geschädigte Original-Seven-Besitzer sicherlich einen 50-prozentigen Aufschlag auf den Kaufpreis akzeptieren lassen würde. Als angemessener Treibsatz wird der 2-Liter-OHC-Motor von Ford verwendet, wahlweise mit 105 PS und Vergaser oder 115 PS und Einspritzpumpe. Sogar als Finanzamt-unterstützter Katalysator-Renner ist der SeventySeven erhältlich, dann aber mit nur 100 PS. Egal für welche Version man sich entscheidet, das Fahrerlebnis kann noch am treffendsten mit "Motorrad auf vier Rädern" umschrieben werden: 5,6 Sekunden von Null auf 100 km/h, röhrender Vier-in-Eins-Auspuff, superdirekte Lenkung am Go-Cart-Volant und ein Fahrwerk im ursprünglichsten Sinn des Wortes, welches trotzt verstellbarer Gasdruckstoßdämpfer und -federn Sehnsüchte nach der Zeit aufkommen lässt, als die Fahrbahnmarkierungen noch aufgemalt und nicht aufgeklebt wurden.

Hat man erst einmal Platz genommen, ruht der Blick wohlgefällig auf einem sauber gearbeiteten Armaturenbrett samt Motolita-Lenkrad sowie einem Schaltknüppelchen, welches trotz oder gerade wegen seiner Winzigkeit das Rühren im doch recht knochigen Sierra-Fünfganggetriebe zum Vergnügen macht. Weniger vergnüglich sind dagegen bei Regen die Wasserfontänen, die nicht durch das Dach, nein, von unten durch die Ritzen zwischen Stofftüren und Fahrzeugbody ins Innere spritzen und zumindest im Testfahrzeug ein Badetuch als ständigen Begleiter notwendig machten. Wenn wir schon mal beim Meckern sind: Das Gelbe vom Ei sind weder der Tankeinfüllstutzen, der das Einfüllen von bleifreiem Super nur mit quälender Langsamkeit zulässt, noch eine Gepäck-Ablageschale, die zumindest bei abgeknöpftem und mitgeführtem Verdeck kaum Platz für das berühmte Schminkköfferchen bietet. Auch die Türen, aus einem Rohrrähmchen mit Stoffbespannung und eingeklebter Weichplastikscheibe bestehend, sind sicherlich verbesserungsbedürftig. Vor allem dann, wenn es um so wichtige Dinge wie den ungehinderten Blick auf die beiden wohlgeformten, aber kaum verstellbaren Außenspiegel geht.

Sicher, das Auto ist fürs Offenfahren gebaut, aber in unseren Breiten muss nun einmal auch mit längeren Regenfahrten gerechnet werden. Ab 35.000 DM aufwärts - je nach Ausstattung - verlangt VM für seine Motorrad-Alternative - viel Geld angesichts eines Mazda-Miata mit gleicher Motorleistung, ähnlichem Fahrspaß und dreifacher Alltagstauglichkeit für den gleichen Preis, aber doch nicht zu viel für Leute, die sich als Drittwagen etwas ganz Besonderes leisten wollen.

Der Artikel "Die mid-Zeitreise: Lotus-Nachbau SeventySeven - besser als das Original?" wurde am 30.04.2020 in der Kategorie Neuheiten von Motor-Informations- Dienst (mid) mit den Stichwörtern Historie, Sportwagen, Vorstellung, veröffentlicht.

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