Automobilindustrie

Englands Autoindustrie peilt Produktionsrekord an

5. April 2015, 00:45 Uhr
Guido Reinking (vm)
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Es ist erstaunlich leise im "Bodyshop 1" des Land-Rover-Werks in Solihull. Auch die Lichteffekte herumfliegender Funken, die andernorts den Karosserierohbau illuminieren, sucht man hier vergebens. Denn an den Enden der Roboter, die um die Range-Rover-Karosserien ihr Fertigungsballett aufführen, sind keine Schweiß-, sondern Nietzangen befestigt. "Die Aluminium- Bodies der Range Rover und Range Rover Sport sind genietet und geklebt, nicht geschweißt", erklärt Werksleiter Alan Volkaerts. Der "Bodyshop 1" arbeitet sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag, um die hohe Nachfrage zu befriedigen. Dreischicht-Betrieb. Im benachbarten "Bodyshop 2" dürfte es bald genauso sein, wenn das neue Jaguar-Mittelklasse-Modell XE in den Verkauf geht, das ebenfalls aus Aluminium besteht.

Und obwohl die Roboter hier deutlich in der Mehrheit sind - 2,5 der einarmigen Helfer kommen auf einen Menschen - hat das Werk Solihull in nur vier Jahren die Beschäftigtenzahl von 4 341 auf 9 259 mehr als verdoppelt. 43 Fahrzeuge verlassen die Produktion pro Stunde. Dennoch müssen Kunden in Deutschland auf den Range Rover Sport monatelang warten. Der Erfolg von Jaguar Land Rover, dem zum indischen Tata-Konzern gehörenden englischen Traditionshersteller, steht im Mittelpunkt einer Renaissance der britischen Automobilindustrie, die man noch vor wenigen Jahren für unmöglich gehalten hätte. Nach der Rover-Pleite 2005 war Britanniens einst stolze Autoindustrie schon abgeschrieben.

Es war der Tiefpunkt eines jahrzehntelangen Niedergangs: "1972 wurden im Vereinigten Königreich 1,9 Millionen Autos gebaut. Das ist bis heute Rekord", sagt Lawrence Davies, Vizechef des britischen Investitionsförderung. Der einstmals zweitgrößte Autohersteller der Welt, BMC, später British Leyland, war ein taumelnder Riese: Missmanagement und ständige Streiks führten zu Verstaatlichung und Zerschlagung. Die Reprivatisierung und der Verkauf an BMW brachten keine Rettung. Ohne die großen Werke von Nissan, Toyota und Honda hätte es in Großbritannien keine nennenswerte Autoproduktion mehr gegeben.

Bis 2009 war die Fertigung im Land auf unter einer Million Fahrzeuge gesunken. Doch dann brachte die Finanz- und Bankenkrise die Wende: "Die Regierung hat erkannt, dass sie die produzierende Industrie fördern muss", sagt Davies.

"Seither bekommen wir die Unterstützung der regionalen und nationalen Regierung", sagt Michael Collins, Vertriebschef des Entwicklungs- und Fertigungsdienstleisters Penso in Coventry. Kredite, Grundstücke, Investitionshilfen fließen in die Industrie, um auch kleinere Unternehmen zu unterstützen. "Mittelstand" ist wie "Kindergarten" und "Weltanschauung" eines der deutschen Worte geworden, die man England nicht mehr übersetzen muss. Denn das Geheimnis hinter dem Erfolg der deutschen Automobilindustrie sind die ungezählten kleinen und Mittelständischen Zulieferer, die man in England noch zu wenig findet. "Wir müssen die Lieferkette verlängern", sagt Davies. 60 Prozent der Teile eines deutschen Autos würden in Deutschland gefertigt, aber nur 30 Prozent eines britischen Autos in Großbritannien. "Das sind vier Milliarden Pfund an nicht genutztem Umsatzpotenzial." Die Regierung fördert deshalb die Ansiedlung von Zulieferern nach Kräften.

Doch staatliche Förderung ist nur ein Grund für die Wiederauferstehung. In vielen Märkten, so auch in Deutschland, ist es plötzlich wieder cool, Autos aus dem Vereinigten Königreich zu fahren. Mit deutscher Hilfe haben die Hersteller auch technologisch aufgeholt: "Hier laufen viele Wolfgangs herum", sagt ein Land-Rover-Mitarbeiter schmunzelnd. Nicht nur sein oberster Chef, Ralf Speth, und sein Entwicklungschef, Wolfgang Ziebart, sind Deutsche. Bentley, Mini und Rolls-Royce sind sogar in deutscher Hand. "Ist es wichtig, ob der Aktionär Engländer oder Inder ist?", fragt Professor David Greenwood von der Universität Warwick. Wichtiger sei doch, wo die Innovationen und die industrielle Umsetzung stattfinden.

So gilt mittlerweile Mittelengland als Zentrum des Aluminium-Leichtbaus in der Automobilindustrie. Damit das so bleibt, hat Jaguar Land Rover jüngst eine neues, 600 Millionen Pfund umfassendes Investitionsprogramm angekündigt, davon 400 Millionen Euro in das Werk Castle Bromwich, wo das neue Mittelklassemodell XF künftig in Aluminium gebaut wird. Es soll dazu beitragen, dass Großbritannien in den nächsten Jahren den Produktionsrekord von 1972 einstellt und an die alte Größe anknüpft. 2014 wurden auf der Insel 1,6 Millionen Autos gebaut. Ende des Jahrzehnts sollen es zwei Millionen sein. Mehr als je zuvor.

Guido Reinking

Der Artikel "Englands Autoindustrie peilt Produktionsrekord an" wurde am 05.04.2015 in der Kategorie News von Guido Reinking (vm) mit den Stichwörtern Automobilindustrie, International, News, veröffentlicht.