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China greift Tesla und Porsche an

27. September 2022, 11:33 Uhr
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mid - Groß-Gerau - Retro-Elektro-Kleinwagen von Great Wall Motors als Racing-Variante. Karl Seiler / mid
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Ihren Vorsprung bei der Elektro-Mobilität spielen chinesische Autohersteller längst mit einer Europa-Offensive bei Klein-und Mittelklasse-Fahrzeugen aus. Nun greift mit Nio erstmals ein Unternehmen in der Oberklasse an - mit einem revolutionären Batteriewechsel-System.


Ihren Vorsprung bei der Elektro-Mobilität spielen chinesische Autohersteller längst mit einer Europa-Offensive bei Klein-und Mittelklasse-Fahrzeugen aus. Nun greift mit Nio erstmals ein Unternehmen in der Oberklasse an - mit einem revolutionären Batteriewechsel-System.

Für ihre Lernfähigkeit sind Chinesen ebenso bekannt und gefürchtet wie für ihre Kopierfreudigkeit. Vor 15 Jahren lächelten die heimischen Hersteller über Automarken wie Brilliance oder Landwind. Deren Hoffnungen auf einen erfolgreichen Einstieg in den europäischen Automarkt zerschellten an den Crashtests für die Euro-NCAP-Wertung. Inzwischen meistern Hersteller wie Nio, BYD oder Lynck & Co. nicht nur die Hürden für die Höchstwertung von fünf Sternen. Mit ihrer für Herbst dieses Jahres geplanten Offensive lehren sie auch der etablierten Konkurrenz das Fürchten.

Auf dem Weg vom Lehrling zum Meister profitieren die Chinesen von ihrem langen Atem, ebenso vom Know How europäischer Partner und ihrer von Staat und Städten geförderten Kapitalkraft. So ist der schwedische Hersteller Volvo seit 2010 im Besitz der Geely-Group. 2004 kaufte der größte chinesische Autokonzern SAIC, an dem auch Volkswagen beteiligt ist, die Baurechte an den Modellen Rover 25 und 75. Auf dem Heimatmarkt ist Rover seit 2007 unter dem Namen Roewe präsent. International gehen sie unter MG Roewe auf Kundenfang und das nahezu unbemerkt erfolgreich.

Mit einem Marktanteil von 0,3 Prozent liegt MG in den ersten sieben Monaten 2022 besser im Rennen als etablierte Marken wie Subaru, Lexus, Alfa und Honda. 150.000 Fahrzeuge made in China können nach Einschätzung von Branchen-Experten in diesem Jahr europaweit abgesetzt werden.

Über welches Potenzial die ehrgeizigen Asiaten verfügen, zeigt BYD ("Build your Dreams"): Rund 640.000 E-Autos und Plug-in-Hybride hat der größte Elektro-Autobauer der Welt, der als Technologieführer bei Batterien gilt und auch mit Daimler kooperiert, im ersten Halbjahr verkauft. Das Erfolgsmodell Seal, ein Elektroauto im Stil des Tesla Model 3, soll nun auch in Europa angeboten werden. Die Reichweite von 500 Kilometern ist ein Lockmittel. Ein weiteres der Preis. Als Beispiel für die Herausforderung an die Konkurrenz dient der MG ZS EV. So kostet der Elektro-SUV rund 34.000 Euro und damit weniger als der Kleinwagen Renault Zoe.

Bei ihrem Vormarsch in Europa stoßen die Chinesen in das Vakuum, das deutsche Hersteller wie Volkswagen, Audi, BMW und Mercedes bei ihrem Rückzug aus dem Rendite-schwachen Kleinwagen-Geschäft hinterlassen. So besetzt SAIC die Lücke mit dem Hongguang Mini EV. Der kastenförmige China-Stromer der Marke Wuling, einem Joint Venture von General Motors und SAIC, hat sich in seinem Heimatland 2021 zum bestverkauften Elektrofahrzeug gemausert. Kein Wunder bei Preisen von rund 4.000 Euro.

Ein Importeur aus Litauen steht für die Einführung in Europa bereit. Hier soll der Mini rund 10.000 Euro kosten. Startbereit ist auch die Volvo-Schwester Lynck & Co., die bereits in der Statistik des Kraftfahrtbundesamtes vertreten ist. Über die Schweizer Emil-Frey-Gruppe will der Hersteller Great Wall die Modelle Ora und Wey vertreiben. Und Aiways aus Shanghai bedient sich beim Absatz des Crossover namens US der Marktmacht der Elektronikkette Euronics.

Die spektakulärste Premiere plant im Herbst die Marke Nio. Das 2014 gegründete Start-Up aus Shanghai versteht sich als Tesla-Rivale. Zum Repertoire der Attacke auf den Platzhirschen gehören "Super Charger", also Schnelllade-Stationen, nobles Ambiente in den Nio-Houses oder wie in China praktiziert, üppiger Service mit Abholen und Rücktransport der Autos zum Service. Doch Nio will vor allem das Thema Reichweite und Ladestopps revolutionieren. So soll die Batterie innerhalb von fünf Minuten vollautomatisch in "Power-Swap"-Stationen gewechselt werden. Bis 2025 sind in Europa 1000 Stationen geplant.

In Norwegen, Europas Vorreiter in Sachen E-Mobilität, testet Nio bereits den ES 8, einen fünf Meter langen SUV-Siebensitzer. Wie der Q7 von Audi soll er mit einem 100-Kw-Akku 500 Kilometer Reichweite erzielen. Doch mit dem ET 7 will Nio neue Maßstäbe setzen. Energiebasis ist ein Feststoffzell-Akku (150 Kw/h), der bis 1.000 Kilometer Reichweite ermöglichen soll, dazu bei einer Systemleistung von 648 PS Rennwagen-ähnliche Fahrleistungen. Nio steigt also vom Start weg in das Premiumsegment ein und greift mit der fünf Meter langen Limousine die Platzhirsche Tesla Model S und Porsche Taycan an. Das gilt auch für automatisiertes Fahren mit Hilfe von Hochleistungsrechnern, elf hochauflösenden Kameras und fünf Radarsystemen.

Nio hat im vergangenen Jahr 90.000 Autos in China verkauft, Tesla zum Vergleich 240.000. In der Europa-Zentrale München sind bereits 500 Designer und Ingenieure mit der Markenentwicklung beschäftigt. Deutschland- Geschäftsführer Ralph Kranz bringt seine Erfahrung als Manager bei Volvo, Aston Martin und Toyota mit. Nio-Gründer William Li setzt gezielt auf die globale Ausrichtung der Marke.

Die Erfolgschancen der Offensive bewertet Professor Stefan Bratzel, Chef des Center of Automotive-Management in Bergisch Gladbach, positiv. "Mit dem Batterie-Wechselsystem haben die Chinesen ein Alleinstellungsmerkmal", sagt er. Ein anderer sei der Preisvorteil.

Abwerben von Spezialisten europäischer Firmen, Preis-Dumping und Aufgabe des Stückzahl-trächtigen Kleinwagenmarktes: Droht der deutschen Industrie ein Wegbrechen eines wichtigen Standbeines? Bratzel redet die Gefahr nicht klein. "China ist der Leitmarkt für Elektromobilität, und da haben Hersteller wie BYD, vielleicht auch Nio ein paar Jahre Vorsprung". Als Manko sieht der Auto-Fachmann das Image, das den Chinesen aus der Crashtest-Pleite bei ihrem ersten Vorstoß nachhängt. Hinzu kommt der Anspruch deutscher Käufer. Ob die bereit sind, für ein Oberklasse-Auto made in China 60.000 Euro und mehr auszugeben? - Doch der Abstand zum Model S ist riesig. Der Luxus-Tesla kostet ab 137.990 Euro.

Hubert Kemper / mid

Der Artikel "China greift Tesla und Porsche an" wurde am 27.09.2022 in der Kategorie New Mobility von Motor-Informations- Dienst (mid) mit den Stichwörtern Unternehmen, Importeur, Elektromobilität, Neuheit, New Mobility, veröffentlicht.

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