Historie

Die mid-Zeitreise: Muskelspiel

12. Oktober 2018, 09:05 Uhr
Jutta Bernhard
Die mid-Zeitreise: Muskelspiel
mid Groß-Gerau - Motorräder haben eine jeweils spezifische Ausstrahlung. Sie sollten sie zumindest haben. Das ist kein Problem für die Yamaha FZX 750: Sie ist ein Vertreter der sogenannten "Muscle-Bikes". Yamaha
Am 5. Dezember 1988 berichtete der Motor-Informations-Dienst (mid) im 37. Jahrgang über die Yamaha FZX 750.


Am 5. Dezember 1988 berichtete der Motor-Informations-Dienst (mid) im 37. Jahrgang über die Yamaha FZX 750.

Motorräder haben eine jeweils spezifische Ausstrahlung. Sie sollten sie zumindest haben. Nun, das ist kein Problem für die Yamaha FZX 750:Sie ist ein Vertreter der sogenannten "Muscle-Bikes". Von Motorrädern also, die gerade erst ihre Qualitäten als Sprintgeräte in der Dragster-Szene vorgeführt zu haben scheinen und sich vor allem durch eines auszeichnen: durch Leistung.

Und durch ein Design, das weder einem Chopper, einem Tourer noch einem Sportler ähnelt, sondern kurioserweise am ehesten einem "normalen" Motorrad. Merkmale der unverkleideten FZX: üppige Bereifung, tiefe Sitzposition hinter halbhohem Lenker, viel Chrom und ein Motorblock, der stolz seine Hässlichkeit zur Schau stellt. Schließlich kann er sich diese optische Schwäche leisten. Die Leistung vergilt es schon. Dabei beträgt diese offiziell nur 69 kW, sprich 94 PS (bei 9.500 Umdrehungen).

Doch würde man dem wassergekühlten Reihen-Vierzylinder auch volle 100 PS abnehmen, so beeindruckt er. Wie durch seinen imposanten Durchzug aus niedrigen Drehzahlen heraus. Wobei es das Drehmoment (Maximalwert 76,5 Nm bei 8.000 U/min) gestattet, selbst noch aus Fahrradgeschwindigkeiten heraus im sechsten Gang anstandslos hochzuziehen. Und durch seine Drehfreude sowie seine Beschleunigungsorgien im oberen Tourenbereich, welche dem Biker eine wahre Power-Show auf zwei Rädern bieten.

Überzeugend präsentieren sich auch die weiteren Antriebsqualitäten des 749-ccm-Aggregats. Der Transistor gezündete Fünfventiler (Ventileinstellung der insgesamt 20 Ventile: alle 42.000 km) springt auch nach langer Standzeit im kalten Freien spontan mit dem E-Starter an, läuft schnell rund (Choke am linken Vergaser) und lässt dank schwingungsabsorbierender Gummilagerung kaum Vibrationen spüren.

Der Benzinverbrauch gibt sich mit durchschnittlich knapp sechs Liter bleifrei Normal auf 100 km/h in Anbetracht häufiger Sprints zurückhaltend. Unangenehm fällt jedoch der mit gerade einmal 13 Litern Fassungsvermögen viel zu kleine Tank auf, bei dem man den elektrischen Reserveschalter an der rechten Lenkerhälfte mitunter bereits nach 150 Kilometern zum Anzapfen der letzten drei Liter aktivieren muss.

Die Höchstgeschwindigkeit der Yamaha hat wie bei einem Chopper eher theoretischen Wert. Sitzt der Fahrer doch von keiner Verkleidung geschützt hinter dem relativ breiten Lenker, so dass die rund 215 km/h Höchstgeschwindigkeit (aufrecht nach Tacho) eigentlich nur aus Neugierde angepeilt werden. Die Autobahn-Reisegeschwindigkeit pendelt sich somit irgendwo zwischen 120 und 150 km/h ein. Wichtiger als High-Speed ist da schon die positive Beurteilung des Sechsgang-Getriebes, dessen Gangstufen sowohl harmonisch abgestuft als auch - unter Mithilfe einer hydraulischen Kupplung - präzise einzulegen sind.

Das Fahrwerk präsentiert sich nicht so überzeugend wie der Motor. So leidet die Handlichkeit der 225-kg-Maschine unter der üppigen Bereifung, die zum Einleiten von Schräglagen etwas Kraftaufwand erfordert und gleichzeitig für eine leichte Kippneigung verantwortlich zeichnet. Der Geradeauslauf ist vom langen Radstand her als sicher zu bezeichnen, doch bringt der ungeschützt dem Fahrtwind ausgesetzte Fahrer bei höherem Tempo durch seine verkrampfte Haltung selbst Unruhe in die Maschine.

Auch Spurrillen mag die Yamaha nicht, die Pneus laufen ihnen gerne nach. Überraschend ist die Schräglagenfreiheit, so schnell setzt kein Teil in Kurven auf. Zumindest nicht auf ebener Fahrbahn, dem Metier der Kettenmaschine. Auf Unebenheiten zeigen sich sehr bald die Grenzen der hart abgestimmten Federung: sowohl die Luftunterstützte Telegabel als auch die Federbeine hinten reagieren bockig auf Fahrbahnstöße und verleiten das Fahrwerk zu deutlichen Rührbewegungen.

Die Bremsen verdienen sich indessen eine gute Beurteilung. Dosierung wie auch Bremswirkungen der Doppelscheibenbremse vorne und der innenbelüfteten Scheibe hinten sind einwandfrei. Im Gegensatz zu der auf Dauer verkrampften Sitzposition des Bikers, dessen Oberkörper eine mehr aufrechte Haltung einnimmt, während die Fußrasten sehr weit hinten und hoch angebracht sind. Dass die Sozia noch weitaus schlechter auf der nicht gerade üppig gepolsterten Sitzbank untergebracht ist, tröstet nur wenig.

Die Instrumente sind eine Augenweide, wenn auch der Drehzahlmesser zu klein geriet und die Anzeigekonsole auf dem Tank durch einen Tankrucksack verdeckt wird. Schade, dass kein kombiniertes Zünd-Lenkradschloss vorhanden ist. Insgesamt präsentiert sich die 11.325 DM kostende FZX 750 als ein Motorrad mit starkem Charakter und einem starken Motor, der einen so manche sonstige Schwäche und die eingeschränkte Alltagstauglichkeit (fast) vergessen lässt.

Der Artikel "Die mid-Zeitreise: Muskelspiel" wurde am 12.10.2018 in der Kategorie News von Jutta Bernhard mit den Stichwörtern Historie, Motorrad, Praxistest, News, veröffentlicht.

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