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Die mid-Zeitreise: Audi 90 quattro 20V

8. Juni 2018, 09:30 Uhr
Bianca Burger
Die mid-Zeitreise: Audi 90 quattro 20V
mid Groß-Gerau - Der Audi 90 quattro 20V von 1988. Audi
Am 27. Juni 1988 berichtete der Motor-Informations-Dienst (mid) im 43. Jahrgang über den Audi 90 quattro 20V.

Vom 4. Juli 1988 an ist es soweit, dann steht er bei den Vertragshändlern: der neue Audi quattro mit jeweils vier Ventilen pro Zylindereinheit. Optisch wie auch in den Ausstattungsmerkmalen entspricht der 20-Ventiler weitestgehend dem Sport-Sondermodell des 90 quattro. Die wesentlichen Unterschiede verstecken sich unter der Motorhaube. Dort arbeitet nämlich jetzt ein mit moderner, rallye-erprobter Vierventiltechnik ausgestatteter, nach US-Norm schadstoffarmer 2,3-Liter-Fünfzylinder-Einspritzmotor, der aus dem hubraumgleichen Triebwerk des sportlichen Sondermodells entwickelt wurde. Brachte dieser herkömmlich ventilierte Audi 90 quattro noch 100 kW/136 PS auf die Straße, stieg die Leistung des neuen 20V durch die Vierventiltechnik, ein neues, entsprechend abgestimmtes einteiliges Saugrohr aus Aluminium und einen ebenfalls neuen, aufwendigen Auspuffkrümmer mit fünf gleichlangen Einzelrohren auf 125 kW/170 PS bei 6.000 U/Min. Damit unterscheidet sich der für den bundesdeutschen Markt bestimmte 20V auch spürbar vom hubraumkleineren Zweiliter-20V, der vor rund einem Vierteljahr für Italien mit 160 PS in die Serie gegangen ist.

Der neue Audi 90 quattro 20V ist kein kompromisslos auf Sportlichkeit getrimmtes Auto vom Schlage eines BMW M3. Dafür ist sein Fünfganggetriebe zu lang übersetzt und das straffere, um 25 mm tiefer gelegte Fahrwerk mit Gasdruckstoßdämpfern noch zu sehr auf Komfort ausgelegt. Die Audi-Philosophie macht ihn eher zu einer bequemen, gut ausgestatteten Reiselimousine mit sportlichen Zügen. So erlaubt der drehmomentstarke Motor (220 Newtonmeter bei 4.500 Umdrehungen pro Minute) ein durchaus schaltfaules Fahren, ohne dass ein Gefühl der Schwäche aufkommt. Doch greift man gerne nach dem lederbezogenen Schalthebel, der sich exakt und leicht in der Kulisse bewegen lässt. Dabei können den Fahrer durchaus schon einmal "röhrliche Gefühle" befallen. Dann schwingt sich der 20V in 8,4 Sekunden bis 100 km/h auf und erreicht eine Endgeschwindigkeit von 218 km/h. Und muss man in extremen Situationen anfahren, kann die Sperre des Hinterachsdifferentials zugeschaltet werden. Dabei wird zwar das ABS-Bremssystem von Bosch abgeschaltet, oberhalb von 25 km/h aber, wenn die Sperre wieder automatisch entriegelt, steht es für vehementes Verzögern ohne blockierende Räder wieder zur Verfügung.

Auch beim 20-Ventiler wird das Antriebsmoment über das selbstsperrende Torsen-Zwischendifferential auf Vorder- und Hinterachse verteilt. Entsprechend den Fahrbedingungen können die Antriebskräfte dadurch automatisch und variabel bis zu 75 Prozent auf die Achse mit der besseren Traktion übertragen werden. Zu diesem Traktionsgewinn, der höheren Spurstabilität und dem besseren Kurvenverhalten tragen auch die auf 15-Zoll-Leichtmetallräder montierten Niederquerschnittsreifen der Größe 205/50 VR 15 bei.

Gemessen an den Fahrleistungen entpuppt sich der neue Audi 90 quattro 20V nicht einmal als sonderlich durstiger Geselle. So verbraucht er laut Werksangaben bei konstant 90 km/h 7,3 Liter unverbleites Euro-Super (95 ROZ), 8,9 Liter bei 120 km/h und 13,7 Liter im Stadtzyklus (nach DIN 70030). Die neue Motorelektronik erlaubt auch schon einmal, dass bleifreies Normalbenzin getankt wird. Das ermöglichen die erstmals eingesetzten zwei Klopfsensoren, die je drei und zwei Zylindereinheiten überwachen. Eine zum Klopfen neigende Verbrennung sendet typische Signale aus, die, von den Sensoren aufgefangen, über die Elektronik in den Zündkreislauf eingespeist werden. Der Zündzeitpunkt wird dann sofort für eine, mehrere oder alle Zylinder zurückgenommen und den neuen Gegebenheiten angepasst.

Der Audi 90 quattro 20V ist bereits serienmäßig gut ausgestattet. So gehören das tiefergelegte Fahrwerk, die Leichtmetallfelgen und die Breitreifen zur aufpreisfreien Ausstattung. Auch für die Sportsitze, das lederummantelte Lenkrad, den in Wagenfarbe lackierten Aluminium-Heckspoiler, die drei Zusatzinstrumente in der Mittelkonsole (Öldruck, -temperatur, Betriebsspannung) und einen rechten Außenspiegel braucht nicht extra gezahlt zu werden. Auch der Ski-Sack, eine geschützte, schmale Durchreiche für lange Gegenstände, gehört zum Grundumfang. Das Testfahrzeug war zusätzlich mit elektrischen Fensterhebern und elektrisch einstell- und beheizbaren Außenspiegeln ausgerüstet. Ferner können unter anderem noch ein elektrisch betätigtes Schiebe-/Ausstelldach, elektrisch einstellbare Vordersitze mit Memory-Schaltung für den Fahrersitz und vier verschiedene Radioanlagen geordert werden. Zwei dieser Stereogeräte besitzen eine Diebstahl-Sicherheitskodierung und "GALA", das heißt geschwindigkeitsabhändige Lautstärkenanpassung. Doch ist der 20V auch bei hohen Geschwindigkeiten bereits von Hause aus ein angenehm leises Auto, so dass hier durchaus die eine oder andere Mark gespart werden kann. Aufpreispflichtig (983 DM) ist leider auch das mechanische Audi-Sicherheitssystem "proconten", das jedoch auf jeden Fall geordert werden sollte.

Der Spaß, einen Audi 90 quattro 20V zu fahren, kostet je nach Ausstattung mindestens 58.435 DM. Interessenten sollten auch wissen, dass es den starken 90er zur Markteinführung erst einmal nur in der Farb Satinschwarz Metallic gibt. Wem das nicht gefällt, der sollte warten. Vielleicht sogar bis Oktober. Dann kommt nämlich ein weiterer Audi-Vierventiler auf den Markt: der Audi 200-plus mit einem 250 PS starken 3,5-Liter-V8-Motor. Nachdem sich die V.A.G.-Konzernmutter den ersten Audi-Vierventiler, den 16V, für ihre Modelle Golf und Jetta einverleibt hatte, beginnt vom 4. Juli an nun also auch bei dem Ingolstädter Tochterunternehmen die Epoche der Autos mit je zwei Ein- und Auslassventilen pro Zylindereinheit. Der 90 quattro 20V ist dabei sicher keine schlechte Wahl.

Der Artikel "Die mid-Zeitreise: Audi 90 quattro 20V" wurde am 08.06.2018 in der Kategorie Specials von Bianca Burger mit den Stichwörtern Allrad, Auto, Historie, Neuheit, Test, Praxistest, Fahrbericht, Event, Messe, veröffentlicht.

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