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Panorama: Im AMG durchs nächtliche Tokio - Lost in Translation mit 612 PS

28. Oktober 2017, 18:55 Uhr
Benjamin Bessinger/SP-X 14
14Panorama: Im AMG durchs nächtliche Tokio - Lost in Translation mit 612 PS
Knapp jeder zehnte in Japan verkaufte Mercedes trägt AMG-Weihen Foto: Teymur Madjderey
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Bill Murray musste in Lost in Translation noch mit einem altertümlichen Toyota-Taxi vorlieb nehmen. Doch wer sich wirklich im nächtlichen Tokio verlieren will, nimmt besser ein Auto wie den E 63 AMG. Und falls einem dabei nicht Scarlett Johansson über den Weg läuft, bleibt noch immer der Tokyo Drift.

Business Trip nach Tokio. Den ganzen Tag Fotos, Interviews, Gespräche und am Abend das das obligatorische Shabu Shabu. Und wenn einen endlich der Jetlag entlässt und man so langsam wach wird, leert sich auf einen Schlag das Lokal, die Locals flüchten in die letzte U-Bahn und für ein paar Stunden kommt die 10 Millionen-Metropole mal ein bisschen zur Ruhe.
 
Das ist die Zeit, in der sich die Größen der Nacht mit ihren teuren Spielsachen auf die Straßen trauen. Und all jene, die wie damals Bill Murray und Scarlett Johansson im Independent-Hit ,,Lost in Translation" längst vergessen haben, ob es noch heute oder schon morgen ist und in welcher Zeitzone sie gerade durch diese unwirkliche Parallelwelt getrieben werden. Also Raus aus dem Restaurant, rein in den Leihwagen und schnell noch stilles arigatou gozaimasu an jenen guten Geist, der die gesichtslose Geschäftslimousine gegen einen Mercedes-AMG E 63S upgegraded hat. Wenigstens muss ich nicht nochmal in einen altertümlichen Toyota Crown mit den blütenweißen Häkeldecken auf dem Sitz und einem Fahrer hinter dem Plastikschild, der garantiert wieder keinen Brocken Englisch spricht.
 
Zwar darf man in Japan nirgends schneller fahren als 100 km/h und in Tokio werden schon die maximal 60 Sachen von der allgegenwärtigen Polizei streng überwacht. Doch das tut dem Erfolg der schnellen Schwaben keinen Abbruch: Von den etwa 67.000 Autos, die Mercedes in Japan pro Jahr verkauft, kommen immerhin knapp 6.000 aus Affalterbach. Das macht Japan zu einem der wichtigsten Märkte für die schnelle Tochter und hat Tokio den ersten ,,Stand Alone"-Händler von AMG eingebracht. Wo sich 43er, 63er und der GT sonst zwischen gewöhnliche A- und C-Klasse quetschen müssen, haben sie hier in einem nur auf den ersten Blick unscheinbaren Viertel zwischen Tokio und Yokohama eine kleine aber feine Heimat inklusive traditioneller Nordschleifen-Dekoration und zukunftsfester Elektro-Ladesäule - und finden reichlich Zuspruch.
 
,,Setagaya ist eine der reichsten Wohngegenden in ganz Japan," sagt der japanische Mercedes-Chef Kintaro Ueno und freut sich über entsprechend solvente Laufkundschaft in dem Power-Palast mit Platz für etwa ein Dutzend Autos. Und während bei den anderen 40 Performance Centern im Land meist Aufsteiger aus den eigenen Reihen irgendwann zu einem AMG greifen, rollen hier ständig Fremdfabrikate vor: ,,Porsche, BMW, Aston Martin - alles dabei", sagt Ueno und freut sich an einer überdurchschnittlichen Eroberungsrate. Kein Wunder, dass die drei Verkäufer im Monat durchschnittlich zehn AMG absetzen. Dass man die außer bei einem der vielen AMG-Trackdays nicht einmal ansatzweise ausfahren kann, ficht die Japaner offenbar nicht an. ,,Es ist viel mehr der Wunsch sich abzugrenzen und etwas ganz besonderes, technisch so Hochwertiges zu bekommenen", der in Japan am Ende zu einem AMG führt, erläutert Ueno. Und ein bisschen angeben und angasen wollen die Japaner natürlich auch.
 
Spätestens hier und heute, in einer Nacht wie dieser kann man das verstehen. Denn man braucht schon einen Cinemascope-Bildschirm im Cockpit, einen V8 unter der Haube und einem Sportauspuff im Heck, wenn man der Reizüberflutung in Stadtteilen wie Akihabara oder Roppongi etwas entgegensetzen will. Zu schrill sind die Leuchtreklamen und zu laut ist der Lärm aus den Patschinko-Hallen, als dass man hier von einem normalen Auto überhaupt Notiz nehmen würde. Und während der Japaner sich bei Tag gerne in der Masse verstecken, geht es ihnen nachts vor allem ums auffallen. Nicht umsonst laufen in den Vergnügungsvierteln an jedem Wochenende mehr Comic-Gestalten durch die Straßen als in Köln zum Karneval.
 
So verschafft sich der Achtzylinder mit jedem Gasstoß Gehör und an jeder der vielen Ampeln sonnt sich der bullige Benz in der Aufmerksamkeit der Passanten. Ist er doch eine willkommene Abwechslung unter all den charakterlosen Fernost-Limousinen, den praktischen Vans und den allgegenwärtigen Kei-Cars, die um ihn herumschwirren wie die Fliegen um den König der Löwen.
 
Am Steuer bekommt man davon freilich nicht ganz so viel mit. Denn Autofahren in Tokio ist eine Sache für sich und zumindest als Gast muss man sich da ordentlich konzentrieren - erst recht, wenn man bei Linksverkehr im Linkslenker unterwegs ist und sich mangels elektronischer Mautkarte nicht gleich auf die vielgeschossigen Freeways traut.
 
Dass man sich trotz des gründlich adaptieren Navigationssystems in den unzähligen Spuren auf zahllosen Ebenen gerne mal verliert, mag am Tage stundenlange Umwege mit sich bringen. Aber in dieser Nacht ist der Weg das Ziel und die Straßen können gar nicht verwinkelt und verworren genug sein. So passen sie wenigstens zu dem, was Jetlag und Kulturschock gerade in meinem Kopf richten. Selten habe ich mich Bill Murrays ,,Lost in Translation" so nahe gefühlt wie in dieser Nacht. Und selbst der drohende Taifun, über den sie in Tokio alle seit Tagen reden, ist kein Hindernis. Durch den Wind wäre man in einem Auto mit 612 PS und 850 Nm auch während einer Flaute, bei einem Sprintwert von lächerlichen 3,4 Sekunden und einem Spitzentempo von 300 km/h entfesselt man mit jedem Gasstoß seinen eigenen Sturm und gegen das bisweilen knöchelhohe Wasser auf der Straße rund um den Kaiserpalast hilft schließlich der Allradantrieb.

Scarlett Johanssen habe ich zwar nicht getroffen und den kuriosen Kindfrauen in den alles andere als zwielichtigen Seitenstraßen von Akihabara habe ich auch widerstanden. Doch weil in Tokio viele das Schicksal der Schlaflosigkeit teilen, bleibt man nicht lange alleine - erst recht nicht mit einem AMG. Und so lange der Tank nicht leer und zur Not auch der Aschenbecher nicht voll ist, muss die Sonne meinetwegen nicht aufgehen. Ich habe schließlich eh schon kurz nach der Landung das Gefühl für Tag und Nacht, für Traum und Realität verloren.
 
Und selbst wer nicht Sophia Copollas Skript für Scarlett und Bill folgt, findet in einer Nacht wie dieser mit einem Auto wie dem solchen seinen Segen. Wozu schließlich haben auf dem Ring um die Hauptstadt Filme wie Tokyo Drift gedreht. Und wenn man dem Achtzylinder bei diesem Wetter die Sporen gibt, hat selbst der Allradantrieb verloren und man schaut sich die Rainbow Bridge auch als Fahrer durchs Seitenfenster an. Selten war es so vergnüglich, verloren zu sein, wie bei dieser ganz persönlichen Ausgabe von Lost in Translation.
 

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