Fahrbericht

Panorama: Ford F-150 Raptor - Zur Hölle mit dem Winter

7. April 2017, 14:12 Uhr
Benjamin Bessinger/SP-X 12
12Panorama: Ford F-150 Raptor - Zur Hölle mit dem Winter
Entwickelt und gebaut wurde er für die Wüstenrennen zum Beispiel in der Baja California Foto: Ford
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Eigentlich haben sie ihn für die Wüste gebaut. Doch weil die Baja California nur einmal in Jahr ausgetragen wird und der Wilde Westen weit ist, erobern wir mit dem neuen Ford Raptor eben den Kanadischen Winter. Kalt wird einem dabei ganz sicher nicht - selbst wenn das Thermometer minus 29 Grad zeigt.

Es ist kalt am Mount Tremblant, bitter kalt sogar. Während Europa schon so langsam vom frühen Sommer träumt, hat der Winter weite Teile Kanadas noch fest im Griff. Der Schnee ist hart wie Beton, die Seen sind dick gefroren, das Thermometer zeigt minus 29 Grad und am Kühlergrill hängt eine dicke Kruste aus Schlamm und Eis. Doch dem Fahrer steht der Schweiß auf der Stirn und das Hemd klebt am Rücken. Denn er fährt ein Auto, das selbst den kühnsten Könner nicht kalt lassen kann: Willkommen im Ford F-150 Raptor, dem vielleicht brutalsten und brachialsten Sportwagen, den man ab Werk kaufen kann.
 
Entwickelt und gebaut wurde der zwar eigentlich für die Wüstenrennen zum Beispiel in der Baja California. Doch weil einem Auto wie dem Raptor egal ist, ob er Sand unter die riesigen 35-Zoll-Räder nimmt oder seine groben Profil-Stollen in Schlamm oder Schnee schlägt, tobt er jetzt durch nicht durch Kalifornien, sondern durch Kanada und schickt mit jedem Gas-Stoß den Winter zur Hölle. Wenn 450 PS und fast 700 Nm im Spiel sind, braucht es keinen Klimawandel, um der Eiszeit ein Ende zu bereiten.
 
Obwohl ohnehin schon nahezu unverwüstlich, haben die Renningenieure die Plattform des erfolgreichsten Pritschenwagens aller Zeiten noch einmal verstärkt: Die Achsenführung ist fester geworden und der Unterfahrschutz hat nun die Stärke einer Panzerplatte. Das wichtigste jedoch sind die neuen Stoßdämpfer, die in den Radkästen Schwerstarbeit leisten müssen. Schließlich wiegt der Raptor mehr als zwei Tonnen und hüpft trotzdem über die Eisbuckel wie ein Schneehase. Hüfthohe Bodenwellen, Sprungkuppen, knietiefe Schlaglöcher, Schlammpfützen groß wie Swimmingpools oder zur Not auch mal ein paar eingeschneite Baumstämme - dafür muss man im Raptor nicht einmal den Fuß vom Gasnehmen. Man wird zwar durchgerüttelt wie in einem überdimensionalen Cocktail-Shaker, krallt sich mit beiden Händen fest ans Lenkrad, freut sich über den guten Seitenhalt der Sitze und muss schmerzhaft lernen, dass im Extremfall auch 30 Zentimeter Kopffreiheit zu wenig sein können - doch pflügt man mit einem immer breiter werdenden Siegerlächeln durch das späte Winter-Wunderland: ,,Platz da, jetzt komm ich, der wahre König der Kälte."
 
Dabei ist der Raptor eigentlich ein Sportwagen von der gemütlichen Sorte. Zwar schindet er mit seinem martialischen Design, den funkelnden Positionsleuchten im schwarzen Grill und den mächtigen Karosserieverbreiterungen mehr Eindruck als jeder Supersportwagen. Doch wo man sich bei Lamborghini & Co schon hinter dem Lenkrad klein machen muss und die Welt nur noch durch Schießscharten sieht, thront man hier auf einem geräumigen Hochsitz mit Loungecharakter. Statt einer leidenschaftlichen Zweierbeziehung pflegt der Raptor die Familienbande und bietet im Fond auf dem Sofa mehr Platz als eine S-Klasse. Und wo man bei einem Porsche schon überlegen muss, ob noch eine zweite Jacke in den Kofferraum passt, kann man hier auf der Pritsche das Gepäck für ein ganzes Sabatical verstauen.
 
Während es das Fahrwerk mit jedem Kampfwagen der US-Army aufnehmen kann und das nachgeschärfte Design oder die bunt ausgeschlagene Doppelkabine auf jeder Tuningshow bewundert würden, haben die Rennsport-Experten hinter dem endlos breiten Grill mit dem Generationswechsel auf Hightech gesetzt: Denn statt des guten alten V8 mit zuletzt 6,2 Litern Hubraum kommt unter der Haube nun im Grunde der gleiche Sechszylinder zum Einsatz, der den Ford GT zum heißesten Supersportwagen der Saison macht - selbst wenn die Amis die Leistung des 3,5-Liter-Motors auf 450 PS herunter geregelt haben.
 
Kombiniert mit einer neuen Zehngang-Automatik reicht das für ein Fahrgefühl, das seines gleichen sucht. Klar können Porsche-Fahrer bei einem Sprintwert von 5,1 Sekunden und einem Spitzentempo von 170 km/h nur lachen. Doch wenn man zwei Meter über der Erde auf einem Hochsitz aus Lack und Leder thront, fühlt sich das um einiges intensiver an. Nie waren 5,1 Sekunden kürzer und noch nie war man so dankbarer für jenen Rest an Vernunft bei der Rennmannschaft, dem die freiwillige Selbstbeschränkung zu verdanken ist.
 
Solange man dabei der Elektronik die Regie überlässt, ist das ein Vergnügen ohne Reue und die Power-Pritsche hält stur ihre Spur. Wozu haben die Amis schließlich ein halbes Dutzend Fahrprogramme für jeden Untergrund programmiert. Erst wenn man selbst eingreift in das Verteilergetriebe und die Untersetzung, raubt einem der Raptor bisweilen den Atem. Dann kann man mit dem Dickschiff zwar wunderbar driften. Doch wenn ein Koloss von mehr als Fünf Metern und bald drei Tonnen plötzlich zu Tanzen beginnt und die Pritsche durch den Rückspiegel schwänzelt, wird einem ganz schön heiß unter dem Hemd.
 
Über den Verbrauch mosern dabei nur notorische Spielverderber. Alle anderen freuen sich daran, dass der V6 zumindest auf dem Prüfstand 20 Prozent sparsamer ist als der V8 und in der Theorie mit kaum mehr als 13 Litern auskommt. Für das Weltklima ist der Raptor keine ernsthafte Gefahr: Auch wenn er am Produktionslimit läuft, hat er nur einen winzingen Anteil an den rund 800.000 Pick-Ups der F-Serie, die Ford allein in den USA pro Jahr verkauft. Und selbst für die Finanzplanung spielt der Verbrauch keine Rolle. Schließlich startet die Power-Pritsche in den USA ganz knapp unter 50.000 Dollar - dafür gibt es ernsthaftere Sportwagen mit einem sehr viel geringeren Spaßfaktor nicht einmal als rostige Gebrauchte.
 
Obwohl dieser Ford bei uns jedem Ferrari die Schau stehlen könnte und die Idee von ,,One Ford" doch auch für solche Exoten gelten müsste, denken sie Detroit nicht im Traum daran, den Pick-Up nach Europa zu holen - zumal es bei uns ja nicht gerade viele Wüsten gibt und auch die Eiszeit eher von kurzer Dauer ist. Weil aber kaum ein Auto verrückt genug ist, um nicht doch ein paar Fans zu finden, schließen freie Importeure die Lücke und holen den König der Kälte doch ins Land. Und selbst wenn sie sich diesen Job teuer bezahlen lassen und ihre Preise erst bei knapp unter 100.000 Euro beginnen, ist der Raptor jeden Cent wert.
 
Oder man nimmt das Geld, fliegt nach Kanada und pflügt dort mit einem Raptor durch die Pampa. Angst vor der Schneeschmelze muss man mit dabei mit diesem Auto nicht haben: Wer sich in der Wüste bewährt und im kanadischen Winter - der wird sich von ein bisschen Schlamm nicht schrecken lassen.

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